Mittwoch, 20. Juli 2016

November 1988

November 1988: Ich knie vor der Anlage von meiner Schwester. Im Tapedeck liegt eine frische, leere TDK SA90, und auf dem Plattenteller liegt meine neue Platte von den Pet Shop Boys: Introspective. Der Rec-Level ist eingestellt und die Aufnahme kann beginnen. Die Platte wird in astreiner Qualität auf Tape aufgenommen, damit ich sie im Walkman hören kann. CDs sind viel zu teuer zu der Zeit, und dank der sündhaft teuren Anlage meiner Schwester bekomme ich auch ohne CD eine gute Qualität hin.

Sie hat diese Anlage für unglaubliche 3000 Mark beim Suppes gekauft. Harman/Kardon Verstärker, Tuner, CD-Player und Tapedeck, Plattenspieler von Technics und die Boxen von Teufel.

Juli 2016: Heute gibt es keinen Suppes mehr und auch keine D-Mark, aber die Anlage, die gibt es noch. Meine Schwester ist mitterweile Oma, und weil sie als Oma keinen Bedarf mehr an so einer geilen Anlage hat, und weil diese Anlage absolut zeitlos ist, habe ich diese Anlage adoptiert. Ich habe die Anlage damals geliebt, und ich liebe sie noch heute. Der CD-Player mit der unglaublich schnell schließenden Schublade existiert nicht mehr, genauso wie der Plattenspieler und das Tape, naja und eigentlich ist der Verstärker auch nicht mehr der von damals, weil mein Bruder damals mit meiner Schwester getauscht hat. Aber egal. Ich habe jedenfalls den Verstärker aus Familienbesitz und die Teufel-Boxen wieder angeschlossen und beschalle damit mein Büro. Der Klang ist unglaublich gut, auch wenn die Boxen schon diverse Kinder- und Katzenangriffe überstehen mussten. Die Quellenwahlknöpfe am Verstärker sind auch nicht mehr ganz ohne Wackler, aber was solls. Ich habe als Quelle ohnehin nur den FiiO-Player dran.

Heute muss es klein und dezent sein, Fernseher werden so dünn wie Wandbilder, und aus Stereoanlagen werden Soundbars. Wo man früher mit Ghettoblaster stand, stehen die Kids heute mit Smartphones. Wer cool ist, paired sein Smartphone noch mit einem Bluetooth-Lautsprecher in der Größe einer Coladose, das ist dann aber schon die Spitze. Mehr geht nicht mehr in 2016, für mehr wird heute der Großteil der Musik auch nicht mehr produziert.

Der gute alte Schalltrichter der komplett elektrofreien Grammofone findet heutzutage auch wieder Verwendung: Zahlreiche "Life Hacks" erklären dem vom selbstständigen Denken befreiten Youtube-Konsumenten, wie man sich aus ner leeren Klopapierrolle ne Bassrolle für's iPhone bastelt.

Ich habe ein mulmiges Gefühl, wenn die Menschheit so etwas wie diese Stereoanlage als Schrott ansieht. Ich habe ein mulmiges Gefühl, wenn man sich 30 Jahre auf der Zeitachse vorwärts bewegt und man sich auf der Qualitätsachse von CD rückwärts bewegt in Richtung Streaming Audio. Von Dynamikumfang zu Loudness War, von HiFi-Stereo zu 7.1-Kompressionsartefakt. Das ist nur deshalb erträglich, weil ich mit einem breiten Grinsen über beide Ohren vor der Anlage sitze und  "I want a dog" von den Pet Shop Boys hören kann, als 24bit-Vinylrip. Die Schallplatte ist seit November 1988 bezahlt, dafür brauche ich keinen Amazon Prime Account.

"Don't want a cat, scratching its claws all over my habitat, giving no love and getting fat, Oh, you can get lonely and a cat's no help with that..." (Pet Shop Boys)

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